Ein zentrales Anliegen in KASTEL ist die Beantwortung der Frage: Was ist Sicherheit? Schon innerhalb der Teildisziplinen ist diese Frage für die drei geplanten Prototypen ungelöst. In der Kryptographie analysiert und beweist man Sicherheit, indem man ein reales Protokoll mit einer idealen Spezifikation vergleicht. Diese idealen Spezifikationen für intelligente Infrastrukturen, Cloud Computing oder Überwachungssysteme müssen aber erst noch gefunden werden. Die Methode der Information Flow Control verhindert einen unerwünschten Informationsfluss von als geheim eingestuften Variablen zu Variablen, die einem Angreifer zugänglich sind. Welche Variablen allerdings für die geplanten Prototypen als geheim gelten und welche Variablen der Angreifer sehen kann, ist noch nicht spezifiziert.
Dass bei vielen Anwendungen nicht klar erkennbar ist, welche Information überhaupt geschützt werden soll, zeigt sich unter anderem an den Kontroversen um „Google Street View“. Die Straßenansichten, die über „Google Street View“ abrufbar sind, können nicht geschützt werden. Sie wurden von öffentlichen Orten aus angefertigt und jeder Bürger hat die Möglichkeit, diese Orte selbst aufzusuchen. Tatsächlich besteht das eigentliche Sicherheitsproblem bei „Google Street View“ darin, dass großflächige und häufige Zugriffe stark vereinfacht sind. Dies hat zur Folge, dass private Information im großen Stil verarbeitet werden kann. Durch Methoden des Datamining können aus öffentlich zugänglichen Informationen neue Informationen aufbereitet werden, die in dieser Form nicht öffentlich sind. Für die hieraus resultierenden Herausforderungen an den Datenschutz gibt es noch keine allgemein akzeptierten Begriffe.
Darüber hinaus verwenden die verschiedenen Disziplinen, die am Entwurf sicherer Systeme beteiligt sind, sehr unterschiedliche Sicherheitsbegriffe und -konzepte.
- In der Kryptographie ist Sicherheit eine formal definierte und beweisbare Eigenschaft. Kryptographische Definitionen beschreiben abstrakte Protokolle und geben mathematisch präzise Definitionen. Durch die Abstraktion fasst die Kryptographie aber die Komplexität und Vielfältigkeit realer Systeme nicht.
- Das Security Engineering betrachtet Sicherheit von Systemen umfassend. Die Grenzen der betrachteten Systeme sind aber meist nicht einfach feststellbar. Im Security Engineering bedeutet Sicherheit die Abwesenheit bekannter Angriffe auf ein System.
- Die Methoden der Information Flow Control untersuchen den Informationsfluss in Programmen. Sicherheit ist nicht vorhandener Informationsfluss zum Angreifer. Die Information Flow Control betrachtet aber keine aktiven Angreifer, die etwa Variablen beeinflussen oder Kommunikation stören, um so das Ergebnis zu verfälschen.
- In der Softwareentwicklung gemäß dem Security Development Lifecycle (SDL) von Microsoft wird eine Prozessverbesserung angestrebt, die Sicherheitsdefinition wird aber aus einem Angreifermodell abgeleitet, das nur bekannte Angriffe umfasst.
- Aus juristischer Sicht sind vor allem Fragestellungen bezüglich des Datenschutzes und der Verantwortlichkeit von Bedeutung. Wer ist verantwortlich für die Gewähr von Sicherheitsstrukturen? Welche staatlichen und welche privaten Vorsorgemaßnahmen gibt es? Wie kann ein Maximum an Sicherheit bei gleichzeitigem Minimum an rechtlichen Belastungen gewährleistet werden? Wie können Vorgaben so ausgestaltet werden, dass sie leicht verständlich und leicht umsetzbar sind?
Das ungleiche Verständnis von Sicherheit in den verschiedenen Disziplinen rührt aus einer stark unterschiedlichen Weltsicht her. Sie äußert sich in der Wahl der Begriffe, aber auch in der grundsätzlichen Arbeitsweise. Aufgrund der fachlichen Differenzen zwischen den Disziplinen fällt es schwer, gemeinsam ein gesamtheitlich sicheres System zu konstruieren. Es fehlt die sprichwörtliche Sicht auf das Ganze.
Grundlage für alle weiteren Arbeiten im Kompetenzzentrum ist daher eine präzise Definition der Sicherheit. Für eine ganzheitliche Betrachtung muss ein disziplinenübergreifender Konsens über die Schutzziele gefunden werden, der überhaupt erst den Entwurf von Informatiksystemen mit verlässlichen Sicherheitsgarantien erlauben. Diesen Konsens zu finden, bedarf es großer Forschungsanstrengungen, denn die Sicherheitsbegriffe einzelner Disziplinen, die am Entwurf sicherer Systeme beteiligt sind, unterscheiden sich zum Teil erheblich. Dies wirft einerseits die Frage auf, wie sich die Sicherheitsbegriffe von Konzeption, Entwurf und Implementierung zueinander verhalten. Andererseits stellt sich die Frage, welche Art von Sicherheit für eine gegebene Anwendung überhaupt erreichbar ist. Deshalb soll geklärt werden, welche Sicherheitsgarantien an die Anwender solcher Systeme gegeben werden können und wie sie sich durchsetzen lassen. Dies schließt insbesondere datenschutzrechtliche Bestimmungen mit ein. Nur über die Arbeit an einer gemeinsamen Sprache und an klaren Schnittstellen zwischen den Disziplinen kann sichergestellt werden, dass sich die Akteure überhaupt in ihrem Ziel einig sind.
Das Ziel dieses Kernprojektes ist, ein Rahmenwerk bereitzustellen, das die Identifikation von Sicherheitsanforderungen für spezifische Anwendungen erlaubt. Es soll imstande sein, die identifizierten Anforderungen im mathematischen Sinne präzise zu fassen und sicherstellen, dass die einzelnen Definitionen der Teildisziplinen ein gemeinsames großes Bild ergeben. Die so gefundenen Sicherheitsbegriffe werden auf verschiedenen Ebenen anwendbar sein müssen, damit man sowohl formale Garantien als auch verständliche und juristisch belastbare Begriffe erhält.
Die Frage was Sicherheit bedeutet, ist Grundlage für jedes Teilprojekt von KASTEL. Ganz konkret werden Sicherheitsdefinitionen für die drei in den Realisierungsprojekten zu entwickelnden Prototypen erstellt und über den Verlauf der Realisierungsprojekte weiterentwickelt und angeglichen, damit präzise und durchgängige Sicherheitsdefinitionen im Konsens der Akteure über den gesamten Entwicklungsprozess hinweg spezifiziert werden können.


